Challenging Music, Dance and Performance: the Electronic Media
Symposium und Tanzperformance, Linz, Anton Bruckner Privatuniversität, 31. August -2. September 2009
Die Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Musikwissenschaft, die von ihrem Präsidenten Peter Revers mit großem Engagement organisiert wurde, rückte die zunehmende Bedeutung der Wechselwirkung zwischen elektronischen Medien und künstlerischen Ausdrucksformen ins Zentrum. Warum Linz der Austragungsort war, liegt auf der Hand: nicht nur, weil es dieses Jahr Kulturhauptstadt Europas ist, sondern vor allem auch, weil es durch das Festival für Kunst, Technologie und Gesellschaft "Ars Electronica" und das Ars Electronica Center in der österreichischen Medienlandschaft fest verankert ist. Als Mitveranstalter und Gastgeber zeichnete die Anton Bruckner Privatuniversität. Sie empfiehlt sich durch ihren gegenwartsorientierten, interdisziplinären Ansatz mit besonderem Interesse an Crossover und durch die Gründung eines Instituts "Musik und Medien".
Das Symposium präsentierte in vier halbtägigen Sektionen eine breite Palette von Themen, die sowohl Fragen der Mediengeschichte, Medientheorie und -ästhetik sowie die Präsentation konkreter Beispiele umfasste. Unmittelbar nach der offiziellen Eröffnung wurde durch eine kurze Tanzperformance die "challenge" der Veranstaltung gleichsam vor Augen geführt: Zwei junge Tänzer bewegten sich im Raum, ohne Musik, von der Seite mit Live-Kamera gefilmt und lebensgroß auf eine Leinwand projiziert, sodass der Betrachter gleichzeitig zwei Perspektiven desselben Ereignisses wahrnehmen konnte.
Der erste Themenschwerpunkt "Zur Geschichte und Gegenwart der Wechselwirkung von Kunst und elektronischen Medien" wurde von Helga de la Motte (Berlin) mit einer "keynote lecture" eröffnet. (Die Schlagwörter sowie der englischsprachige Titel des Symposiums schulden sich einer internationalen Szene und den Fachtermini der Medientechnologie.) Ausgehend von den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, in denen neue Kunstformen durch die Zusammenarbeit von Künstlern verschiedener Sparten entstanden und zugleich die Mechanisierung des menschlichen Körpers in den Vordergrund rückte, lieferte de la Motte einen breit angelegten Überblick über die einzelnen historischen Entwicklungen und deren ästhetische Implikationen. Der Vortrag führte bis in die Gegenwart und schloss mit Ausführungen zu den Begriffen "Embodiment" (Einkörperung menschlicher Fähigkeiten) und "Sound Gesture" (Klang-Gesten). Einen historischen Blick auf die österreichische elektronische Musikszene der 60er und 70er Jahre gewährte Hartmut Krones. Er betonte das politische Engagement der maßgebenden Komponisten Anestis Logothetis, Dieter Kaufmann, Wilhelm Zobl und Otto M. Zykan. Andreas Weixler stellte in einem sehr klar gegliederten Beitrag die technischen Möglichkeiten der letzten Jahrzehnte dar, die von algorithmischen Kompositionen über "non real-time audio/video processing" über "real-time composition" und "audio-visual activity" führte. Beispiele aus seinem eigenen Schaffen dienten als Illustration.
Der Bereich der Medientheorie wurde von Christopher Salter (Montreal), Elena Ungeheuer, Marie-Luise Angerer (Köln), Barbara Büscher (Leipzig) sowie Werner Jauk abgedeckt. Salter beschäftigte sich mit dem Wandel des Begriffs "performance" und mit aktuellen hybriden Darstellungsformen; Ungeheuer diskutierte Probleme der Bewegungsanalyse, Büscher den Einsatz von neuen Medien am deutschsprachigen Stadttheater. Werner Jauks Anliegen war es, nicht länger primär vom Visuellen auszugehen, sondern Musik als Modellfall für eine Theorie der Medienkünste zu betrachten.
Die Präsentation von vier Forschungsprojekten, die in sehr unterschiedlicher Weise die neuen Medien nützen, gab Einblick in die wissenschaftliche Praxis. Besonders eindrücklich war das interaktive bildschirmbasierte Projekt von Norah Zuniga Shaw (Columbus/ Ohio), das in Zusammenarbeit mit William Forsyth und seiner Tanzgruppe entstand und Bewegungsideen spielerisch darstellt. Ein Besuch der entsprechenden Webseite "http.//synchronousobjects.osu.edu" sei empfohlen. In einem Grazer Projekt, das Deniz Peters präsentierte, geht es um das tänzerische Reagieren auf räumliche Klangstrukturen. Die beiden Salzburger Projekte, beide initiiert von Claudia Jeschke, befassen sich mit der Entwicklung einer Software zur räumlichen Darstellung von Choreografien (Henner Drewes) bzw. mit der pädagogischen Vermittlung in Form einer "virtuellen Tanzuniversität" (Nicole Haitzinger).
Johannes Goebel (Experimental Media & Performing Arts Center in Troy/ New York) und Söke Dinkla (Duisburg) berichteten von den Herausforderungen, die die neuen Kunst-Medien an Kulturinstitutionen stellen. Als Kuratorin bezog Frau Dinkla auch die Entwicklungen der Kunstformen im öffentlichen Raum mit ein.
Schließlich sind noch die Beiträge der Medienkünstler Valerian Maly (Bern), Martin Kürschner (Leipzig), Bernhard Lang (Wien) und Murray Schafer (vermittelt durch Jean-Jacques van Vlasselaer, Ottawa) zu nennen, die in beeindruckender Vielfalt ihre eigenen Projekte präsentierten. Eine sehr ambitionierte Live-Tanzperformance von Studierenden der Bruckner Universität, choreographiert von Rose Breuss und Johannes Randolf, rundete in einer Abendveranstaltung das umfassende Programm ab.
(Andrea Lindmayr-Brandl)